Drei Ärztinnen lächeln in die Kamera

Feminisierung – Frauen in der Medizin: Herausforderungen und Konsequenzen

Die Verweiblichung der Ärzteschaft ist bereits seit mehreren Jahrzehnten Thema brisanter Diskussionen: genauer gesagt laut dem Deutschen Ärzteblatt seit dem 26. Deutschen Ärztetag im Jahr 1898. Historisch ist für Frauen in der Medizin dieser Ärztetag von großer Bedeutung, da ihnen dort der Zugang zum Medizinstudium gewährt wurde. Dr. med. Anja Meurer stellt fest, dass Frauen jedoch immer häufiger als Grund für den Ärztemangel genannt werden: Sie sollen Teilzeitstellen bevorzugen und Überstunden aufgrund ihrer Familie ablehnen. In Wahrheit sind jedoch lediglich 10 % aller Ärzte und Ärztinnen in Deutschland in Teilzeit angestellt und auch Männer sind seltener dazu bereit, ihre Work-Life-Balance für anstrengende Arbeitsbedingungen aufzugeben. Gerade durch die aktuellen Umstände der Pandemie steigt das Interesse an Teilzeitstellen weiter, da Ärzte und Ärztinnen mit Nachdruck auf die eigene Work-Life-Balance pochen.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, wie es um die Feminisierung der Medizin in Deutschland tatsächlich steht und welche Herausforderungen und Konsequenzen das für die Entwicklung des Arztberufs mit sich bringt.

Gibt es zu viele Frauen in der Medizin?

Auch in Gesellschaft und Politik werden Stimmen lauter, die sich vor einer Feminisierung der Medizin fürchten. Prof. Dr. med. Jürgen Freyschmidt, ehemaliger Professor der Medizinischen Hochschule Hannover, schlug 2017 vor, die Abiturnote nicht länger als Zulassungskriterium anzuwenden. Stattdessen solle es eine Männerquote von 50 % für die Verteilung der Studienplätze geben. Tatsächlich bewarben sich zum Sommersemester 2019 etwa doppelt so viele Frauen wie Männer für das Medizinstudium – der Trend zeichnete sich laut einer Darstellung der FAZ bereits ab dem Jahr 1998 ab und entwickelt sich seitdem stetig weiter. Die Bundesregierung lehnte diesen Vorschlag jedoch ab, da sie keine Anhaltspunkte dafür sieht, dass der Frauenanteil im Medizinstudium ein Problem für die medizinische Versorgung von Patienten in der Zukunft darstellen könnte.

Schaut man sich das Geschlechterverhältnis fernab des Medizinstudiums an, wird eines deutlich: Die Feminisierung der Ärzteschaft hat in den letzten Jahren zwar zugenommen, die männliche Belegschaft wurde aber noch nicht überholt. Im Jahr 2018 waren Frauen im Arztberuf mit 47 % repräsentiert. Diese Zahl geht laut dem Deutschen Ärzteblatt mit dem allgemeinen Frauenanteil auf dem deutschen Arbeitsmarkt einher. Im gesamten Gesundheitswesen dominieren Frauen in der Medizin das Feld jedoch deutlich: Zählt man abseits der reinen medizinischen Berufe auch Stellen in der Alten-, Familien- oder Hauspflege dazu, erhöht sich der Frauenanteil auf 79 %.

Weibliche Ärztin im Vordergrund, verschwommen im Hintergrund mehrere männliche Ärzte
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Wie steht es um Frauen in Führungspositionen in der Medizin?

Auch wenn Frauen in der Medizin immer häufiger vertreten sind, scheint das faire Geschlechterverhältnis noch nicht auf der Führungsebene angekommen zu sein. Die Erhebung „Medical Women on Top“ des Deutschen Ärztinnenbundes ergab im Jahr 2016, dass es lediglich 31 % Oberärztinnen in deutschen Kliniken gibt. Bezieht man alle Führungspositionen an Universitätskliniken in die Statistik zu Frauen in der Medizin ein, kommt heraus, dass lediglich 10 % der Frauen im Arztberuf eine Führungsposition innehaben. Ob Gründe hierfür eine mangelnde Chancengleichheit oder private Aspekte, wie Schwangerschaft oder Kinderbetreuung, sind, ist statistisch noch nicht belegt.

Dabei hat gerade diese Feminisierung der Medizin erhebliche Vorteile mit sich gebracht: Beispielsweise wurden jahrelang die meisten Medikamente lediglich an Männern getestet und für sie entwickelt, sodass Frauen in dieser Berücksichtigung lange Zeit zu kurz kamen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Frauen in der Medizin?

Zwar schreitet die Feminisierung der Medizin voran, dennoch gibt es für Frauen weiterhin eine Vielzahl struktureller Probleme. Angefangen mit einer Schwangerschaft: Sie ist ein schönes Ereignis im Leben, kann für Frauen in der Medizin aber nach wie vor ein Hindernis für ihre ärztliche Karriere sein. Frauen haben demnach oft damit zu kämpfen, dass befristete Verträge während ihrer Elternzeit auslaufen und sie Weiterbildungsmöglichkeiten verpassen. Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Berliner Charité, Christine Kurmeyer, berichtet, dass in der Familienplanung besonders die Phase vor der Habilitation problematisch sei: Es sei kaum möglich, Familie, Lehre und Forschung sowie lange Arbeitszeiten und Sonderschichten parallel zu händeln. Darüber hinaus sollen auch Dienstpläne für Teilzeitstellen oft nicht mit der Tagesstruktur in Krankenhäusern vereinbar sein.

Offiziell haben Sie nach Ihrer Elternzeit Anspruch auf eine Teilzeitstelle von bis zu 30 Arbeitsstunden pro Woche. Dazu ist der Arbeitgeber verpflichtet, wenn Sie in einer Praxis oder in einer Klinik

  • länger als 6 Monate tätig sind
  • und dort mindestens 15 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Theoretisch darf er diesen Antrag nur aus dringenden betrieblichen Gründen ablehnen. In der Praxis werden Teilzeitstellen aber immer mehr zur Rarität, was der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Weg steht.

Des Weiteren fühlen sich Frauen von ihrem Arbeitgeber oft nicht ausreichend gefördert und haben den Eindruck, dass ihre männlichen Kollegen bei Beförderungen bevorzugt werden. Es kursieren zahlreiche Berichte von sexistischem Verhalten gegenüber Frauen in Kliniken: Das reicht von Sprüchen, laut denen Frauen nicht so kompetent wie Männer sein könnten, bis hin zu klassischen Rollenbildern vom Mann „als Halbgott in Weiß“ und der Frau als „pflegender Dienerin“.

Arzt und Ärztin stehen lächelnd nebeneinander
pikselstock

Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Das unternehmen Arbeitgeber

Die Charité in Berlin ist ein gutes Beispiel, wenn es um die Förderung von Frauen in der Medizin geht. Hier gibt es eine eigene Kindertagesstätte, eine Notfall-Kinderbetreuung und ein Familienbüro, das sich um spezielle Belange kümmert. Außerdem möchte sie Frauen mithilfe von Stipendien und Mentoring-Programmen dazu ermutigen, nach ihrer Elternzeit mit voller Motivation in ihren Beruf zurückzukehren. Obwohl auch Männern eine Elternzeit zusteht, sollen 2017 lediglich 2 % diese in Anspruch genommen haben.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend versucht stetig, Krankenhäuser zur Familienfreundlichkeit zu motivieren. Durch bessere Absprachen, standardisierte Abläufe und der Berücksichtigung von Kinderbetreuungszeiten sollen Mitarbeiter mit Familien involviert und respektiert werden. Immer mehr Kliniken sollen zudem auf mittelfristige Dienstplanungen setzen, um ausreichend Vorlauf gewähren und auf die individuellen Wünsche der Beschäftigten eingehen zu können. Zudem sollen Männer weiterhin dazu ermutigt werden, die Elternzeit in Anspruch zu nehmen.

Die Feminisierung der Medizin bringt Vorteile für alle

In den letzten Jahren sind Frauen in der Medizin immer breiter repräsentiert. Bei näherer Betrachtung der Umstände wird aber deutlich, dass noch viel Arbeit geleistet werden muss, damit sie auch in der Praxis Chancengleichheit erfahren. Von der Kürzung von Überstunden, über besser geregelte Arbeitszeiten bis hin zur Ermöglichung von Teilzeitstellen ist die Liste von Optimierungsmöglichkeiten lang. Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Entwicklungen auch Vorteile für die männliche Belegschaft mit sich bringen. Vom wachsenden Trend zur besseren Work-Life-Balance als Arzt und der Etablierung flexibler Arbeitsmodelle profitieren am Ende des Tages nämlich nicht nur Frauen in der Medizin.


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